Longrun-Daten analysiert: Red Bull setzt Maßstab, Ferrari & Mercedes straucheln
Wir haben tief in die Daten des ersten Formel-1-Testtages in Bahrain geschaut: Verstappen setzt Ausrufezeichen, während Ferrari und Mercedes unter Druck sind
(Motorsport-Total.com) - Der erste Testtag der Formel-1-Saison 2025 ist vorüber. Auch wenn es nach nur einem Tag noch verfrüht wäre, das Kräfteverhältnis der Teams endgültig zu bewerten, lassen sich aus den gesammelten Daten bereits erste Tendenzen ableiten. Diese gilt es an den verbleibenden beiden Testtagen zu bestätigen. Mithilfe unseres Technologiepartners PACETEQ haben wir die wichtigsten Zahlen analysiert.
Auffällig war, dass im Vergleich zu früheren Jahren nur wenige Runden mit Aero-Rakes oder FlowViz-Farbe zu sehen waren. Dies deutet darauf hin, dass die Teams ihre Autos im vierten Jahr des Ground-Effect-Reglements bereits gut einschätzen können. Dadurch ergaben sich insbesondere am Ende des Tages einige vergleichbare Longruns.
Erste Rückschlüsse auf das Kräfteverhältnis
Ein wiederkehrendes Programmmuster war bei mehreren Teams zu beobachten: Zunächst wurde eine Qualifyingsimulation gefahren, um die Performance auf einer schnellen Runde zu testen, gefolgt von einem direkten Longrun auf denselben Reifen, ohne dass zwischendurch nachgetankt wurde. Dieses Vorgehen ließ sich insbesondere bei McLaren, Ferrari, Red Bull, Mercedes, Williams, Racing Bulls und Sauber feststellen, während andere Teams ihre Programme etwas asynchron absolvierten.
Da eine Runde auf dem Bahrain International Circuit etwa 1,8 Kilogramm Sprit verbraucht, kann man davon ausgehen, dass die Teams bei den schnellsten Qualifying-Runden mindestens 30 Kilogramm Treibstoff an Bord hatten. Andernfalls wäre ein anschließender Longrun über zehn Runden nicht möglich gewesen. Zwar könnten auch 50 Kilogramm im Tank gewesen sein, was die Zeiten um rund sechs Zehntel verfälschen würde, doch aufgrund der ähnlichen Programme der Teams dürften die Abweichungen bei der Spritmenge überschaubar gewesen sein.
Red Bull und McLaren top, Ferrari und Mercedes im Hintertreffen
In den Longruns setzte sich Max Verstappen im Red Bull an die Spitze. Auf derselben Reifenmischung, zur gleichen Zeit und bei identischer Stintlänge war er im Durchschnitt pro Runde gut eine Zehntelsekunde schneller als Lando Norris im McLaren. Interessanterweise war der Reifenverschleiß bei beiden Piloten nahezu identisch: 0,081 Sekunden pro Runde bei Verstappen gegenüber 0,082 Sekunden bei Norris.
Ferrari ist schwerer einzuschätzen. Charles Leclerc absolvierte zwar ein ähnliches Programm, doch waren seine Longruns mit nur drei Runden deutlich kürzer und damit kaum direkt vergleichbar. Die Zeiten lassen jedoch darauf schließen, dass Ferrari im Schnitt vier Zehntel pro Runde auf Red Bull verlor.
Noch größer war der Rückstand für Mercedes. Während Andrea Kimi Antonelli am Morgen die Bestzeit setzte, hatte George Russell am Abend in den Longruns keine Chance. Im Schnitt fehlten ihm über sieben Zehntel pro Runde auf Verstappen - und damit auch drei Zehntel auf Ferrari. Ein möglicher Grund hierfür könnte das Reifenmanagement sein: Russell verschliss seine Reifen mit 0,111 Sekunden pro Runde deutlich stärker als Verstappen.
Auch die Topspeed-Werte der Topteams in den Longruns liefern interessante Erkenntnisse. McLaren und Ferrari lagen mit durchschnittlich 291 km/h am Ende der Start-Ziel-Geraden etwa drei km/h vor Red Bull und 4,5 km/h vor Mercedes. Doch dieses Defizit allein erklärt den großen Rückstand von Mercedes in den Longruns nicht. Ebenso wenig kann man daraus schließen, dass Ferrari seinen Motor stärker drosselte als die Konkurrenz. Beide Teams haben bei den kommenden beiden Testtagen Arbeit vor sich.
Mittelfeld: Hülkenberg droht das Ende des Feldes
Auch im Mittelfeld setzten einige Teams auf die Kombination aus Qualifyingsimulation und anschließendem Longrun. Carlos Sainz schnitt dabei im Williams am besten ab und lag mit einem Rückstand von 0,82 Sekunden pro Runde auf Verstappen nur knapp hinter Mercedes. Allerdings forderte Sainz seine Reifen stark, was mit einem Verschleiß von über zwei Zehnteln pro Runde zu einem deutlich höheren Zeitverlust in den Folgerunden geführt hätte - die allerdings nicht mehr gefahren wurden.
Hinter Williams reihte sich Racing Bulls-Pilot Isack Hadjar mit einem Rückstand von 1,48 Sekunden auf Verstappen ein. Noch langsamer war nur Gabriel Bortoleto im Sauber, der 2,32 Sekunden pro Runde verlor. Für Rookies ist eine Einschätzung der Pace immer schwierig, doch bereits am Vormittag war zu beobachten, dass Nico Hülkenberg in vergleichbaren Longruns langsamer war als Alexander Albon (Williams) und Yuki Tsunoda (Racing Bulls). Erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Sauber das Schlusslicht des Feldes bleibt.
Was ist mit Aston Martin, Alpine und Haas?
Schwieriger zu bewerten sind Aston Martin, Alpine und Haas, da diese Teams auf die kombinierte Qualifying- und Longrunsimulation verzichteten. Haas konzentrierte sich ausschließlich auf Longruns mit hoher Spritmenge und verzichtete vollständig auf eine Qualifyingsimulation - entsprechend belegten sie die letzten Plätze in der Zeitentabelle.
Alpine absolvierte sowohl Qualifying- als auch Longruns, allerdings nicht in Kombination. Die Zeiten von Pierre Gasly am Abend lassen darauf schließen, dass Alpine ein ähnliches Programm wie Haas absolvierte. Beide Teams waren vermutlich mit vollen Tanks unterwegs, wobei Haas leichte Vorteile hatte.
Aston Martin bleibt die große Unbekannte. Weder wurden aussagekräftige Qualifyingsimulationen gefahren, noch absolvierte das Team Longruns. Angesichts der misslungenen Updates der letzten Jahre könnte Aston Martin den Fokus auf reine Korrelationsarbeit gelegt haben, ohne sich bislang mit Performance-Runs zu beschäftigen.
Wie gut war Hamiltons erster Testtag für Ferrari?
Ferrari war das einzige Team, das mit beiden Fahrern exakt dasselbe Programm absolvierte. Dies ermöglicht eine direkte Vergleichbarkeit der Zeiten, wenn man die Streckenentwicklung berücksichtigt - im Laufe des Tages verbesserte sich der Grip um etwa sieben Zehntelsekunden.
In den Qualifyingsimulationen war Lewis Hamilton im Durchschnitt etwas mehr als eine Sekunde langsamer als Teamkollege Charles Leclerc. Nach Bereinigung der Streckenentwicklung ergibt sich ein tatsächlicher Rückstand von etwa drei Zehnteln. Bei den Longruns fiel der Unterschied geringer aus: Hier war Leclerc im Schnitt nur fünf Zehntel schneller, was hochgerechnet sogar einen leichten Vorteil für Hamilton bedeuten könnte.
Allerdings ist eine einfache Hochrechnung mit Vorsicht zu genießen. Ferrari hatte in der vergangenen Saison oft Schwierigkeiten, die Reifen bei kühleren Bedingungen auf Temperatur zu bringen. Es ist daher möglich, dass die Streckenentwicklung zwar sieben Zehntel betrug, für Ferrari jedoch weniger stark ins Gewicht fiel, da es am Abend deutlich kälter war. Dies könnte auch die relativ schwache Longrun-Pace erklären.
Obwohl die ersten Testtag-Daten eine grobe Orientierung bieten, welche Teams gut gestartet sind und welche noch Aufholbedarf haben, sind sie mit Vorsicht zu genießen. Wie üblich liefern die Rennsimulationen am dritten Testtag das aussagekräftigste Bild.