Rennsimulationen: McLaren schockt die Konkurrenz, Ferrari abgeschlagen
Lando Norris deklassiert die Konkurrenz in den Rennsimulationen am zweiten Testtag der Formel 1 in Bahrain: Große Fragezeichen bei Ferrari, Mercedes & Sauber
(Motorsport-Total.com) - Der zweite Testtag der Formel 1 in Bahrain hat wertvolle Einblicke in die Kräfteverhältnisse der zehn Teams geliefert. In der Nachmittagssession absolvierten sieben der zehn Fahrzeuge eine vollständige Rennsimulation, während die übrigen Teams zumindest einige Longruns mit wahrscheinlich voller Spritmenge durchführten. In Zusammenarbeit mit unserem Technologiepartner PACETEQ haben wir die entscheidenden Daten analysiert.
Generell bieten Rennsimulationen bei Testfahrten die größte Vergleichbarkeit zwischen den Teams, da eine volle Renndistanz von 57 Runden mit regulären Boxenstopps, aber ohne Nachtanken, absolviert wird. Dies bedeutet, dass die Autos randvoll betankt sein müssen, um die Distanz zu schaffen. Das Gewicht der Fahrzeuge ist also bekannt.
Rennsimulationen: Klare Verhältnisse an der Spitze
Lando Norris setzte mit seinem McLaren MCL39 die Messlatte hoch und fuhr mit Abstand die schnellste Rennsimulation. Pro Runde war er im Schnitt 0,46 Sekunden schneller als Andrea Kimi Antonelli im Mercedes W16. In einer virtuellen Rennsituation wäre Antonelli somit rund 24 Sekunden hinter Norris ins Ziel gekommen.
Auch Ferrari zeigte eine enttäuschende Performance: Charles Leclerc verlor im Durchschnitt 0,47 Sekunden pro Runde auf Norris und war damit sogar minimal langsamer als Antonelli. Red-Bull-Pilot Liam Lawson belegte mit einem Rückstand von 0,76 Sekunden pro Runde den vierten Platz in den Rennsimulationen.
Es ist wichtig zu betonen, dass die Zeitrückstände um Faktoren wie verschiedene Reifenmischungen und Streckenbedingungen bereinigt wurden. Lawson fuhr seine Rennsimulation bereits am frühen Nachmittag unter schlechteren Bedingungen als Norris. Faktisch kam ein Rückstand von über einer Sekunde pro Runde für den Neuseeländer heraus, der aber nicht repräsentativ ist.
Wie aussagekräftig ist die Red-Bull-Pace?
Ob diese Red-Bull-Zeiten wirklich repräsentativ sind, bleibt fraglich. Auch Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko relativierte Red Bulls Abschneiden im Vergleich zu Konkurrenz mit dem Hinweis: "Max ist nicht gefahren."
Ein Blick auf Verstappens frühere Teamkollegen - Sergio Perez, Alexander Albon und Pierre Gasly - zeigt, dass der Niederländer über die Jahre hinweg durchschnittlich sechs Zehntel pro Runde schneller war als seine Teamkollegen. Ob dieses Muster sich mit Lawson fortsetzt, wird erst die Zeit zeigen. Doch es ist denkbar, dass Verstappen hochgerechnet in etwa auf dem Niveau von Norris oder knapp dahinter gefahren wäre.
Sandbagging oder Realität: Was ist mit Ferrari los?
Nimmt man den Verstappen-Faktor in die Berechnungen auf und berücksichtigt, dass mit Antonelli ein Rookie im Mercedes eine schnellere Rennsimulation als Ferrari fuhr, während sein erfahrener Teamkollege George Russell möglicherweise noch mehr Potenzial in Sachen Rundenzeit hat, ergibt sich für Ferrari ein besorgniserregendes Bild.
Obwohl Leclerc und Lewis Hamilton in der Gesamtwertung des zweiten Tages Platz zwei und drei belegten, scheint Ferrari in Sachen Rennpace lediglich die vierte Kraft zu sein. Die große Frage: War das Ferraris tatsächliche Pace oder verschleiert man noch seine Pace?
Ein Blick auf die Topspeed-Werte ohne DRS-Nutzung zeigt, dass Ferrari auf der Start-Ziel-Geraden im Schnitt 4,4 km/h langsamer als McLaren und 3,8 km/h langsamer als Mercedes war. Noch größer war aber der Rückstand von Lawson, der im Mittel 7,5 km/h auf Norris verlor.
Ferrari büßte über die gesamte Rennsimulation durchschnittlich 0,27 Sekunden pro Runde im ersten Sektor ein, der größtenteils aus Geraden besteht. Doch auch im kurvenreichen zweiten Sektor verlor die Scuderia 0,22 Sekunden pro Runde. Das deutet darauf hin, dass nicht nur die Motorleistung eine Rolle spielt, sondern Ferrari möglicherweise generell die Pace fehlt.
Mercedes weiterhin mit erheblichem Reifenverschleiß
Ein weiterer entscheidender Faktor könnte der Reifenverschleiß sein. Bereinigt um die verschiedenen Mischungen wies Ferrari den geringsten Reifenabbau auf - lediglich 0,034 Sekunden pro Runde. McLaren und Red Bull kamen auf einen Wert von 0,049 Sekunden pro Runde. Hat Leclerc absichtlich weniger gepusht? Diese Frage lässt sich schwer beantworten, zumal auch Norris und Lawson nicht gerade auf hohe Reifenverschleißwerte kamen?
Eindeutiger ist das Bild bei Mercedes: Antonelli verzeichnete einen Reifenverschleiß von 0,094 Sekunden pro Runde, wobei vor allem der zweite Stint auf dem C2-Reifen stark betroffen war. Das führte dazu, dass er diesen nach nur 15 Runden beenden musste - der kürzeste aller drei Stints des Italieners.
Auch George Russell hatte bereits am ersten Testtag sowie am Morgen des zweiten Testtags Probleme mit Reifenverschleiß. Zudem zeigen die Daten, dass Antonellis Zeiten zu Beginn eines Stints mit denen von Norris vergleichbar waren, er jedoch mit zunehmender Stint-Dauer einen immer größeren Rückstand anhäufte.
Ein Beispiel: Im ersten Stint der Rennsimulation fuhren beide Fahrer auf dem C3-Reifen mit mittleren 1:35er-Zeiten los. Norris verbesserte seine Pace gegen Stintende und fuhr schließlich 1:35er-Zeiten, während Antonelli gegen Ende seines Stints auf niedrige 1:36er-Zeiten zurückfiel - eine volle Sekunde langsamer.
Mittelfeld: Sauber fällt weit zurück
Im Mittelfeld gestaltet sich die Bewertung schwieriger, da nur Isack Hadjar (Racing Bulls), Jack Doohan (Alpine) und Gabriel Bortoleto (Sauber) eine vollständige Rennsimulation absolvierten. Die Teams von Aston Martin, Haas und Williams haben sich eher auf einzelne Longruns konzentriert.
Die beste Rennsimulation im Mittelfeld zeigte Doohan mit einem durchschnittlichen Rückstand von 1,03 Sekunden pro Runde auf Norris. Hadjar war mit 1,11 Sekunden Rückstand etwas langsamer. Besonders enttäuschend fiel Bortoleto ab, der mit einem Abstand von 1,69 Sekunden pro Runde klar das Schlusslicht bildete. Sein enormer Reifenverschleiß von 0,108 Sekunden pro Runde trug maßgeblich dazu bei.
Ist Williams bereits auf Topteam-Niveau?
Williams, Aston Martin und Haas fuhren zwar keine vollständigen Rennsimulationen, doch einige Longruns lassen Rückschlüsse zu. Carlos Sainz absolvierte am Ende des Tages mehrere Longruns mit vermutlich voller Tankfüllung. Im Vergleich mit dem ersten Stint anderer Rennsimulationen ergibt sich für Williams ein Rückstand von etwas mehr als sechs Zehnteln pro Runde auf McLaren.
Aston Martins Lance Stroll zeigte ähnliche Werte. Allerdings konnte sich Norris erst im dritten und letzten Stint entscheidend von der Konkurrenz in den Rennsimulationen absetzen, womit der Wert von sechs Zehnteln für Williams und Aston Martin wohl etwas zu niedrig ist.
Haas war am zweiten Tag offenbar mit mittlerer Benzinmenge unterwegs, doch ein Vergleich zwischen Pierre Gasly und Esteban Ocon vom ersten Testtag deutet darauf hin, dass Haas in diesem Szenario etwa eine Zehntel schneller als der Alpine war.
Sieht so das neue Kräfteverhältnis aus?
Basierend auf den Daten von Rennsimulationen, Longruns und bereinigten Faktoren lässt sich folgendes Bild zeichnen: McLaren scheint mit einem Vorsprung von etwa einer halben Zehntel pro Runde auf Red Bull das stärkste Auto zu haben. Dahinter folgen Ferrari (+0,35) und Mercedes (+0,4).
Das Mittelfeld ist extrem eng, sodass sich die wirklich exakte Reihenfolge praktisch nicht ermitteln lässt. Williams (+0,8), Haas (+0,8), Aston Martin (+0,85), Alpine (+0,9) und Racing Bulls (+1,0) könnten nahezu gleichauf liegen. Sauber bleibt mit einem Rückstand von 1,4 Sekunden abgeschlagen auf dem letzten Platz, das dürfte relativ sicher sein.
Es sei betont, dass diese Einschätzungen ausschließlich die Rennpace betreffen. Die Qualifying-Performance könnte das Bild noch verändern. Zudem bleibt ein weiterer Testtag, die die bisherigen Erkenntnisse noch einmal verändern könnten.