Analyse: Was die GPS-Daten über Max Verstappens Pole-Runde in Japan sagen
Max Verstappen stiehlt McLaren in letzter Sekunde die Show: Die GPS-Daten enthüllen, wo er die entscheidende Zeit für die Pole in Suzuka fand
(Motorsport-Total.com) - Max Verstappen sicherte sich in Suzuka zum vierten Mal in Folge die Poleposition - und doch war es diesmal die wohl unerwartetste von allen. Wo genau machte der Red-Bull-Pilot den Unterschied im Vergleich zu McLaren? Ein Blick in die GPS-Daten liefert die Antwort.
McLaren hatte bis zum entscheidenden Q3 alle Sessions des Grand-Prix-Wochenendes in Japan angeführt - die Freien Trainings, Q1 und Q2 - und galt damit als klarer Favorit auf die Poleposition. Oscar Piastri lag nach den ersten Runs in Q3 vorne, Verstappen hatte einen Rückstand von einer Viertelsekunde.
"Ich habe einfach gedacht: Ich gebe in diesem letzten Versuch alles", erklärt Verstappen seine Herangehensweise für die letzten Minuten. "Ich wusste, es ist ein ziemlich großer Rückstand - zweieinhalb Zehntel auf einer Strecke wie dieser sind eine Menge. Aber die McLarens konnten nicht mehr viel Zeit finden, und das spielte mir in die Karten."
Verstappen mit Vorteil auf den Geraden
Piastri hatte in seinem ersten Versuch eine 1:27,052 gefahren und konnte sich im letzten Moment nur um 0,025 Sekunden steigern. Norris machte einen größeren Sprung - er holte eine halbe Sekunde heraus - doch der Brite musste auch liefern, nachdem der Beginn des finalen Qualifying-Segments bei ihm etwas holprig verlaufen war.
Beim Vergleich der letzten Q3-Runden sind die Zeitabstände zwischen Verstappen, Norris (+0,012) und Piastri (+0,044) minimal. Doch die Telemetrie- und GPS-Daten zeigen, wie der Red-Bull-Pilot sich den entscheidenden Vorteil verschaffte.
Es begann mit einer höheren Endgeschwindigkeit zu Beginn der Runde. Verstappen erreichte am Ende der Start-Ziel-Geraden 325 km/h, Norris und Piastri kamen auf 320 beziehungsweise 319 km/h. Damit verschaffte sich Verstappen sofort einen Vorteil - eine Zehntel auf Piastri und 0,061 Sekunden auf Norris - vor Kurve eins.
Piastri verliert Pole in der zweiten Kurve
Dieser Vorsprung wuchs an, da Piastri in Kurve zwei einen kleinen Rutscher korrigieren musste. "Es war nicht mein bester erster Sektor, sogar etwas langsamer als mein erster Versuch", gab der Australier auf der Pressekonferenz nach dem Qualifying zu.
Dieser kleine Fehler zog sich durch die berühmten Esses, wo Piastris Rückstand auf Verstappen auf 0,288 Sekunden anwuchs. Verstappen wiederum verlor in diesem Abschnitt nur minimal auf Norris, obwohl er in den schnellen Richtungswechseln mit Untersteuern zu kämpfen hatte.
"Ich hatte immer noch viel Untersteuern im ersten Sektor, konnte die Kurven nicht wirklich so attackieren, wie ich wollte. Aber ich habe das Beste daraus gemacht", sagt Verstappen gegenüber dem niederländischen Sender Viaplay, als er seine Pole-Runde analysierte.
Dieses Untersteuern setzte sich auch im Abschnitt nach den Esses fort. Beim Blick auf die Runde kommentiert Verstappen: "Man versucht, so viel Speed wie möglich in Kurve acht mitzunehmen, aber ich hatte auch dort Untersteuern. Kurve neun liegt uns generell nicht besonders, unser Auto hüpft dort überall herum."
Die unterschiedlichen Fahrweisen in Sektor zwei
An der Haarnadel - der langsamsten Kurve auf dem Suzuka Circuit - hatte Norris wieder Zeit gutgemacht. Der McLaren wirkte in diesem Abschnitt stabiler, was bedeutete, dass Norris zu diesem Zeitpunkt 0,075 Sekunden vor Verstappens späterer Pole-Zeit lag.
Vor der Löffelkurve begann Verstappen erneut Zeit gutzumachen. Dieser Abschnitt geht Vollgas, und wie schon auf der Start-Ziel-Geraden half ihm die überlegene Topspeed des RB21, den Rückstand zu verkleinern. Beim Anbremsen für Spoon lag Norris nur noch 0,010 Sekunden vorne - beide waren also praktisch gleichauf.
Hier zeigte sich ein Muster, das sich bereits an den ersten Rennwochenenden dieser Saison abzeichnete: Norris hebt früher den Fuß und bremst eher als Verstappen, kommt dafür aber auch früher wieder aufs Gas. Das verschafft Norris eine bessere Ausfahrt aus Spoon - entscheidend wegen der langen Vollgaspassage, die durch 130R bis zur finalen Schikane führt.
Auf der Streckenkarte ist dieser Abschnitt ganz in Papaya eingefärbt, was zeigt, dass Norris dort am schnellsten war und von einem besseren Kurvenausgang profitierte. Als sie sich der finalen Schikane näherten, lag Norris laut Daten mit 0,185 Sekunden deutlich in Führung - es kam zum entscheidenden Moment des gesamten Qualifyings in Suzuka.
Letzte Schikane entscheidet das Qualifying
Die Telemetrie zeigt, dass Norris erneut früher vom Gas ging und früher bremste als Verstappen, der seinen Bremspunkt für seinen letzten Versuch deutlich hinauszögerte. Dadurch holte Verstappen allein in dieser letzten Bremszone über zwei Zehntel - genug, um sich die Führung zurückzuerobern.
Zwar hatte Norris durch die frühere Gasannahme eine minimal bessere Ausfahrt, doch diesmal reichte es nicht. Trotz des extrem späten Bremsens gelang Verstappen eine ausreichend gute Ausfahrt, um seinen Vorsprung ins Ziel zu retten und sich mit 0,012 Sekunden Vorsprung die Pole zu sichern. Norris öffnete seinen DRS zudem einen Tick später als Verstappen und Piastri - was ihm im finalen Sprint zur Ziellinie ebenfalls nicht half.
"Ich wusste, dass im letzten Schikanen-Bereich noch etwas Zeit lag", sagt Verstappen nach der Session. "Im ersten Versuch habe ich den ersten inneren Randstein verpasst, also wusste ich, dass ich mich in diesem Abschnitt verbessern kann - und das war im Grunde meine Runde."
Die Daten bestätigen: Verstappen hat alles aus dem RB21 in Suzuka herausgeholt - oder wie er es selbst formuliert: "Diese Runde war am absoluten Limit - vielleicht sogar in manchen Bereichen über dem Limit. Ich glaube, diese Strecke liegt mir einfach gut, das hilft natürlich - aber das Auto muss natürlich auch liefern."
McLaren bleibt Favorit für das Rennen
Piastri wiederum lieferte trotz seines frühen Fehlers ebenfalls eine beeindruckende Runde ab. Er konnte den Rückstand von fast drei Zehnteln noch auf nur 0,044 Sekunden verringern - ein Beweis für die generelle Pace von McLaren. Norris scheiterte ebenfalls nur knapp.
Auf die Frage, ob die halbe Sekunde Rückstand nach dem ersten Run in Q3 ihn bei der Vorbereitung auf seinen zweiten Versuch beeinflusst habe, sagt der Brite: "Nein. Ich meine, ich bin Ausgang von Kurve sieben zu weit herausgekommen und das ist wirklich der letzte Ort, an dem man einen Fehler machen will. Es waren einfach ein paar kleine Fehler, und das zeigt, wie leicht man Zeit verlieren kann."
Doch zu beunruhigt ist McLaren nicht, denn das Renntempo ist normalerweise besser als die Qualifyingpace. Und auch Verstappen erkennt an, dass McLaren die Messlatte für das Rennen am Sonntag bleibt: "Diese Pole bedeutet nicht, dass all unsere Probleme plötzlich gelöst sind. Wenn es trocken bleibt und das Rennen normal verläuft, wird es sehr schwer, die McLarens hinter uns zu halten. Aber zumindest konnten wir heute nicht mehr herausholen."