Lando Norris: Muss kein Arschloch sein, um Weltmeister zu werden!
In einem sehr persönlichen Interview gibt Lando Norris zu, dass er nicht vorhat, ein Arschloch zu werden, um 2025 endlich die Formel-1-WM zu gewinnen
(Motorsport-Total.com) - Lando Norris findet, dass ein Formel-1-Fahrer, der Weltmeister werden will, durchaus auch nett sein kann, und widerspricht damit der seiner Meinung nach "festgelegten Vorstellung davon, wie ein Champion gestrickt sein muss".

© LAT Images
Lando Norris strahlt für viele nicht den gleichen Killerinstinkt aus wie etwa Max Verstappen Zoom Download
Der WM-Leader, Vizeweltmeister von 2024 und derzeit Gesamtführende der Formel-1-Saison 2025, die mit dem Grand Prix von Japan in ihre dritte Runde geht, gilt als nett, manchmal spitzbübisch - kurz gesagt: als perfekter Schwiegersohn. Und steht damit in Kontrast zum öffentlichen Auftritten großer Champions der Grand-Prix-Geschichte, deren Verhalten nur selten menschliche Züge zugelassen hat.
Max Verstappen etwa, Norris' derzeit größter Rivale, wird eine extrem entschlossene und selbstbewusste Mentalität zugeschrieben, vergleichbar mit etwa Ayrton Senna oder Michael Schumacher vor ihm. Senna und Schumacher konnten selbstverständlich auch nett sein - aber auf der Rennstrecke kannten die beiden keine Kompromisse. Und dieses Image pflegten sie auch ganz bewusst.
Wie Norris Formel-1-Weltmeister werden will
Norris hingegen genießt die Reputation, nicht immer einen unzerstörbar wirkenden Panzer über seine Persönlichkeit zu legen, sondern durchaus offen über seine Schwächen zu sprechen. "Ich will eine Weltmeisterschaft gewinnen. Aber ich möchte einfach ein guter Mensch sein und mein Bestes geben", sagt er in einem Interview mit dem Guardian.
"Ich werde alles tun, um Weltmeister zu werden, aber vielleicht werde ich nicht so viel von mir selbst aufgeben wie andere, wenn es darum geht, wer ich als Mensch bin. Und ich werde nicht unbedingt diese Fuck-you-Mentalität annehmen, von der alle sagen, dass man sie haben muss. Ich glaube trotzdem daran, dass ich Weltmeister werden kann. Aber eben als netter Kerl."
"Die Leute wollen einem einreden, man müsse von sich selbst denken, dass man der Beste der Welt ist, dass man jeden schlagen kann. Das ist sicher eine gute Einstellung. Aber ich glaube nicht, dass es die einzige ist, mit der man Weltmeister werden kann", meint Norris. "Ich möchte einfach mein Leben genießen. Vielleicht wirkt das nicht wie der klassische Killerinstinkt. Aber ich glaube nicht, dass man den unbedingt braucht, um Weltmeister zu werden. Ich will beweisen, dass man auch ohne diesen Instinkt Weltmeister werden kann."
Eine Haltung, die ihm 2024 durchaus auch manchmal vorgeworfen wurde. Als er etwa in Duellen mit Verstappen nicht den Eindruck machte, er halte genauso konsequent dagegen, wie er vom Red-Bull-Piloten attackiert wurde, erntete Norris dafür Zweifel von manchen Formel-1-Experten, ob er wirklich hart genug sei, um sich gegen einen "Killer" wie Verstappen auf lange Sicht durchsetzen zu können.
Nett sein bedeutet nicht automatisch schwach sein
Doch bei allem Streben nach Nettigkeit: Vor Beginn der Saison 2025 kündigte Norris an, er werde sich von Verstappen in Zukunft nicht mehr unterbuttern lassen und zumindest dann, wenn er sich dazu gezwungen fühlt, auch mal die Ellbogen ausfahren.
Er wolle sich "nicht herumschubsen lassen und auch nie so wirken, als würde ich Dinge aufgeben, nur weil ich zu nett bin. Ich werde trotzdem kämpfen, ich werde Risiken eingehen und alles tun, was in meiner Macht steht, um Weltmeister zu werden. Aber ohne dabei meine Persönlichkeit zu verlieren", unterstreicht er.
"Viele laufen herum und tun so, als hätten sie diesen Killerinstinkt. Sie spielen eine Rolle, um den anderen das zu zeigen. Ich könnte auch ganz leicht so tun, als hätte ich ihn, und mich wie ein Arschloch benehmen, damit die Leute das glauben. Aber es gibt bestimmte Dinge, die ich nicht tun würde - Dinge, die andere Weltmeister getan haben. Ich habe wahrscheinlich nicht so viel Killerinstinkt wie die meisten anderen Fahrer oder Weltmeister, weil ich einfach anders aufgewachsen bin."
Aufgewachsen in einer Millionärsfamilie
Norris, 25, stammt aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater Adam ist ein erfolgreicher Unternehmer und Investor, dessen Vermögen zuletzt im Jahr 2022 auf mehr als 200 Millionen Euro geschätzt wurde. Seine Mutter Cisca stammt aus Flandern in Belgien. Was viele nicht wissen: Norris besitzt genau wie Verstappen die belgische Staatsbürgerschaft.
Was die beiden unterscheidet, ist die Art und Weise, wie sie erzogen wurden. Während Verstappen von seinem Vater Jos mit militärischem Drill als Rennfahrer trainiert wurde, konnte es sich Familie Norris problemlos leisten, dem kleinen Lando seine Hobbys zu ermöglichen. Und eins davon war zufällig Motorsport. Der unbändige und lebensdefinierende Hunger, in der Formel 1 erfolgreich zu werden, der einst etwa Ayrton Senna oder Nigel Mansell angetrieben hat, war bei Norris nie so ausgeprägt.
Vielleicht fällt es ihm auch deswegen leichter als anderen, immer wieder offen über seine Selbstzweifel zu sprechen. Im Interview mit dem Guardian gibt er sogar zu, im Verlauf der Saison 2024 psychologische Hilfe angenommen zu haben, um seine negative Grundeinstellung, manchmal hart an der Grenze zur Depression, in den Griff zu kriegen.
"Das Schlimmste an allem ist, dass ich genau weiß, wie viel Glück ich habe", sagt er. "Ich reise um die Welt, verdiene gutes Geld. Ich kann in meinem Leben fast alles machen, was ich will, und ich weiß, wie privilegiert das ist. Deshalb habe ich manchmal das Gefühl, dass ich nicht das Recht habe, mich zu beschweren oder bestimmte Dinge so zu sagen wie andere. Aber für mich war es auf jeden Fall ein Gewinn, offen darüber zu sprechen."