• 04. April 2025 · 03:42 Uhr

Analyse: Wie abhängig ist Red Bull wirklich von Max Verstappen?

Red Bull tut sich schwer, einen konstanten zweiten Fahrer zu etablieren - doch wie stark ist das Team tatsächlich vom Niederländer abhängig?

(Motorsport-Total.com) - "Ich könnte wahrscheinlich gerade alleine die Konstrukteurs-WM gewinnen", scherzte Max Verstappen während einer niederländischen Medienrunde vor dem Grand Prix von Großbritannien 2023. Was wie ein Witz klang, hatte einen wahren Kern - gleich doppelt: Zum einen war Red Bulls Überlegenheit so groß, dass Verstappen alleine mehr Punkte sammelte (575) als das zweitplatzierte Team Mercedes insgesamt (409). Zum anderen spiegelte die Aussage die anhaltenden Schwierigkeiten Red Bulls mit dem zweiten Cockpit wider.

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Bei Red Bull erahnt man: Ohne Max Verstappen würde mit dem RB21 nicht viel laufen Zoom Download

Fast zwei Jahre später hat sich das Kräfteverhältnis in der Formel 1 zwar verändert, doch ein Faktor bleibt konstant: Der zweite Fahrer bei Red Bull bleibt eine Problemzone. Seit dem Abgang von Daniel Ricciardo konnte kein Nachfolger Verstappen das Wasser reichen. Weder Pierre Gasly, noch Alexander Albon, Sergio Perez oder Liam Lawson konnten überzeugen. Nun bekommt Yuki Tsunoda als Verstappens fünfter Teamkollege bei Red Bull eine Chance.

Die Daten sprechen eine klare Sprache: Ob im Qualifying oder im Rennen, Verstappens Teamkollegen bleiben konstant deutlich zurück. 2016 war Ricciardo im Schnitt noch um 0,049 Sekunden schneller im Qualifying, doch schon 2017 drehte sich das Bild: Verstappen war um 0,202 Sekunden schneller, 2018 betrug der Abstand bereits 0,279 Sekunden.

Seitdem sind die Abstände stetig gewachsen. Lawson etwa verlor in Australien im Q1 mehr als eine Sekunde auf Verstappen, in China 0,813 Sekunden im SQ1, und auch im Q1 der des Haupt-Qualifyings am Samstag lagen 0,750 Sekunden zwischen beiden. Der Vergleich von Verstappens Q3-Runden mit Lawsons besten Zeiten zeigt das Missverhältnis noch deutlicher.

Zahlen, die verdeutlichen, dass das zweite Red-Bull-Cockpit eines der schwierigsten im modernen Formel-1-Feld ist. Aus zwei Gründen: Erstens ist Verstappens natürlicher Speed mit identischem Material kaum zu schlagen. 2023 lag der durchschnittliche Rückstand von Perez im Qualifying bei 0,66 Sekunden - der größte Abstand zwischen Teamkollegen in der gesamten Startaufstellung. Im Rennen waren es im Schnitt 0,56 Sekunden pro Runde - ebenfalls der höchste Wert.

Red Bull: Fahrverhalten wie eine empfindliche PC-Maus

Ein zweiter Aspekt betrifft das spezielle Fahrverhalten des Red Bull. Albon beschrieb den Boliden einst wie eine Computermaus mit 100 Prozent Empfindlichkeit: extrem reaktionsfreudig, aber auch wenig verzeihend, mit scharfer Vorderachse und instabilem Heck. Verstappen kommt damit bestens zurecht, seine Teamkollegen jedoch fanden nie das nötige Vertrauen - besonders beim Einlenken.

Das wirft eine zentrale Frage auf: Schneidert Red Bull das Auto gezielt auf Verstappen zu, oder passt er sich einfach besser an als andere? Verstappen selbst hasst Untersteuern. Das mache ein Auto grundsätzlich langsamer, sagt er. Christian Horner und Helmut Marko betonen immer wieder, dass man schlicht das schnellste Auto baue, nicht eines für einen bestimmten Fahrer.

Doch Horner ließ am Wochenende des China-Grand-Prix tief blicken: "Max ist sehr spezifisch in dem, was er vom Auto erwartet, damit es schnell ist. Ein sehr präzises Einlenken mit viel Grip an der Vorderachse. Die Folge davon ist, dass das Heck unruhiger wird. Für viele Fahrer ist das ein riesiges Problem, weil sie dann das Vertrauen beim Anbremsen verlieren. Aber genau da brilliert Max. Er balanciert das Auto permanent am Limit und will ständig noch mehr Grip an der Vorderachse. Und natürlich orientiert man sich bei der Fahrzeugentwicklung am schnelleren Fahrer. Das ist logisch."


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Laut Teaminsidern kein neues Phänomen. Die besten Fahrer der Geschichte konnten mit extremen Fahrzeugcharakteristiken umgehen. Michael Schumacher bei Benetton oder Ayrton Senna sind Beispiele, die bei Red Bull genannt werden. Je stärker sich ein Team an seinem Topfahrer orientiert, desto schwieriger wird es für den zweiten Fahrer.

Horner nennt ein Beispiel: "Anfang 2022 war unser Auto recht stabil, sogar mit etwas Untersteuern - genau das, was Max hasst. Aber mit dem Spanien-Update bekamen wir deutlich mehr Grip an der Vorderachse. Max machte sofort einen Sprung nach vorn, Checo fiel ab diesem Punkt hingegen deutlich zurück."

"Am Ende geht es darum, das schnellste Auto zu bauen. Man arbeitet mit den Daten, die man hat, und mit dem Feedback des Fahrers. Wir setzen uns nicht das Ziel, ein autozentriertes Konzept um eine Person zu bauen. Wir folgen der Performance. Und das hat uns offensichtlich gutgetan - mit inzwischen 122 Siegen."

Horner: RB21 wird nicht explizit für Verstappen gebaut

Die abschließenden Bemerkungen sind bemerkenswert. Horner stellt klar, dass sich Red Bull auf "die verfügbaren Daten und das Feedback" stützt und dass die Ergebnisse ausschlaggebend sind. Verstappen ist in den vergangenen Jahren der einzige Fahrer gewesen, der konstant abgeliefert hat. Das hat zwangsläufig die Fahrzeugentwicklung bei Red Bull in eine bestimmte Richtung gelenkt. Es ist logisch, dass das Team diesem Kurs folgt, denn aktuell ist Verstappen Red Bulls einzige Chance, an der Spitze mitzufahren. Das Auto muss in seinen Händen so schnell wie möglich sein.

Das bedeutet nicht, dass es explizit für ihn gebaut wird - aber es bedeutet, dass Red Bulls Erfolgsrezept darin besteht, ein Auto zu entwickeln, das maximal schnell ist und mit dem Verstappen noch umgehen kann. Selbst wenn es für Fahrer mit anderem Fahrstil zu extrem erscheint.

Im Jahr 2025 ist das drängender denn je. Anders als zu Beginn der Saison 2022, als selbst ein untersteuerndes Auto noch für Siege gut genug war, hat Red Bull keinen Leistungspuffer mehr. Es ist kein Zufall, dass Perez Verstappen Anfang 2022 und 2023 näher war, wie die Zahlen belegen. Als das Team das Auto weiterentwickelte, um es spitzer und direkter zu machen - was es im Grunde schneller macht - wuchs der Abstand wieder deutlich.

Das erzeugt eine sich selbst verstärkende Spirale: Da Verstappen der einzige Fahrer ist, der an der Spitze konkurrenzfähig ist, muss Red Bull alles daran setzen, sein Potenzial maximal auszuschöpfen - was den zweiten Fahrer wiederum in eine noch schwierigere Lage bringt. Verstappen bleibt somit der einzige echte Titelkandidat im Team - und der Kreislauf verstärkt sich. In gewisser Weise erinnert das an das MotoGP-Werksteam von Honda: Lange Zeit kaschierte Marc Marquez viele Schwächen des Motorrads. Doch die Probleme seiner Teamkollegen erzählten die eigentliche Geschichte.

Die aktuelle Strategie ist nachvollziehbar und erfolgreich - solange Verstappen da ist. Doch sie wirft die Frage auf: Was passiert, wenn er Red Bull oder die Formel 1 eines Tages verlässt? Die Antwort für Red Bull lautet nicht einfach, einen neuen Fahrer zu finden. Wie Horner selbst zugibt, müssen Formel-1-Teams Entscheidungen treffen. Und da Verstappen der einzige Fahrer ist, der konstant Spitzenleistungen für Red Bull liefert, war diese Entscheidung logisch. Dennoch würde ein Verstappen-Abschied vom Team verlangen, sich in gewissem Maß neu zu erfinden.

Die Auswirkungen würden über das Cockpit hinaus spürbar sein. Das Team würde nicht nur einen Leistungsträger auf der Strecke verlieren, sondern auch den entscheidenden Referenzpunkt für die Fahrzeugentwicklung. Derzeit basiert die Philosophie darauf, das schnellstmögliche Auto zu bauen, mit dem Verstappen noch zurechtkommt. Ohne ihn müsste man möglicherweise Kompromisse bei der Performance eingehen, um anderen Fahrern mit anderem Stil entgegenzukommen. Das würde einen Wechsel der technischen Philosophie erfordern. Was Fluch und Segen zugleich sein kann.

Könnte Verstappen auch woanders so brillieren?

Ebenso bemerkenswert ist die Kehrseite: Die Umgebung, die Verstappen aktuell bei Red Bull vorfindet - in der er zurecht im Mittelpunkt steht - gibt es nicht bei jedem Team. So etwas aufzubauen braucht Zeit und Vertrauen, wie auch bei Red Bull. Könnte das woanders funktionieren? Wahrscheinlich schon. Absolute Topfahrer haben das auch anderswo geschafft, innerhalb und außerhalb der Formel 1. Man denke an Marquez bei Ducati.

Verstappen selbst betont immer wieder, dass er keinen festen Fahrstil hat: "Ich denke nicht, dass das Auto auf meinen Fahrstil zugeschnitten ist. Als Fahrer musst du dich anpassen, und genau das habe ich getan, als ich zu Red Bull kam", sagt er. "Das Auto war schon immer so, ehrlich gesagt. Es hatte immer eine gute Vorderachse. Ich habe noch nie ein schnelles Auto erlebt, das untersteuert, in keiner Kategorie. Wenn mich jemand fragt: 'Was ist dein Fahrstil?' Ich kann es nicht sagen. Ich versuche immer, mich so gut wie möglich an das anzupassen, was ich bekomme."

Das bedeutet: Für Red Bull ist das "Was-wäre-wenn"-Szenario bedeutender als für Verstappen selbst. Das Team ist in seinem aktuellen Erfolg maßgeblich auf einen Fahrer angewiesen - nicht aus Versehen, sondern aus Notwendigkeit. Und auch wenn diese Strategie bislang vier WM-Titel eingebracht hat, birgt sie langfristig Risiken. Genau deshalb stehen derzeit nicht nur der zweite Fahrer, sondern das ganze Team unter Druck. Vor allem mit Blick auf 2026.

Wie Helmut Marko kürzlich sagte: "Wir müssen Max ein siegfähiges Auto liefern. Das wissen wir." Der Österreicher bringt es damit auf den Punkt. Denn in jedem anderen Szenario wären die Folgen nicht nur auf einen Fahrer beschränkt.

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