Meinung: Was Red Bull jetzt tun sollte
Unsere Redakteure diskutieren: Wäre es richtig von Red Bull, Liam Lawson schon nach nur zwei Rennen in der Formel-1-Saison 2025 das Vertrauen zu entziehen?
(Motorsport-Total.com) - Die Entscheidung ist so gut wie gefallen: Wie Motorsport-Total.com am Sonntag berichtete, erwog Red Bull bereits vor dem Rennen in Shanghai, Liam Lawson auszutauschen. Yuki Tsunoda galt dabei als Favorit. Nach weiteren Gesprächen in den letzten Tagen ist der Wechsel nun praktisch sicher: Eine offizielle Ankündigung wird noch in dieser Woche erwartet.
Doch ist es richtig, so früh in der Formel-1-Saison 2025 einen solchen Schritt zu gehen? Die Redakteure von Motorsport Network schildern, was sie davon halten!
"Für Tsunoda ist es eine einmalige Chance"
von Ken Tanaka, Motorsport.com Japan
Ob Red Bulls Entscheidung, Lawson nach nur zwei Rennen durch Tsunoda zu ersetzen, die richtige für das Team ist, lässt sich schwer sagen. Aber für Tsunoda persönlich ist es eine einmalige Gelegenheit. Er wird in ein Topauto steigen - etwas, das nur wenigen Fahrern in der Formel 1 vergönnt ist.
Ja, das Auto ist möglicherweise schwer zu fahren, aber Verstappen hat bewiesen, dass man damit trotzdem Ergebnisse erzielen kann.
Es wird keine Ausreden geben. Sollte das Team ihn wählen, muss Tsunoda mit diesem Auto Leistung zeigen.
Für die japanischen Fans ist das auch ein lang gehegter Traum. Viele japanische Fahrer fuhren in der Formel 1, aber keiner hatte je die Chance, für ein absolutes Topteam anzutreten. Jetzt scheint dieser Moment endlich gekommen zu sein - und Tsunoda muss ihn nutzen.
Die Nation will die japanische Flagge auf dem Podium sehen - und zwar ganz oben. Und wenn dieser Tag kommt, werden viele japanische Fans auf der ganzen Welt Freudentränen vergießen.
Tsunoda, jetzt zählen wir auf dich!
"Das Hauptproblem ist das Auto, nicht der Fahrer"
von Ronald Vording, Motorsport.com Niederlande
Pierre Gasly, Alexander Albon, Sergio Perez und Liam Lawson: Die Liste der Teamkollegen, die sich neben Max Verstappen schwertaten, wächst. Lawson nach nur zwei Grands Prix hinzuzufügen, erscheint hart, aber die Signale im Fahrerlager von Shanghai waren deutlich - unter anderem durch Christian Horners Aussage, dass das Team nicht auf Strecken warten müsse, die Lawson besser kennt.
Das eigentliche Problem bei Red Bull ist jedoch das Auto. Der RB21 ist schwer zu fahren, vor allem für jemanden, dessen Fahrstil sich von dem Verstappens unterscheidet. Dazu kommt die schiere Schwierigkeit, Verstappens Tempo auch nur annähernd zu erreichen. Verstappens Teamkollege zu sein ist derzeit die schwierigste Aufgabe in der Formel 1.
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Isack Hadjar wird in Australien 2025 sein Debüt als Stammfahrer für die Racing Bulls geben. Der Schwesterrennstall von Red Bull hat unter den Namen Toro Rosso und AlphaTauri bereits einigen Piloten den Einstieg in die Formel 1 ermöglicht. Welche das sind, darauf wollen wir in dieser Fotostrecke schauen. Fotostrecke
Die Beförderung von Tsunoda ergibt aus zwei Gründen Sinn: Erstens hätte der Japaner kaum mehr tun können, um sich diesen Schritt zu verdienen, und zweitens soll Honda für den Wechsel mitzahlen - was die Sache auch finanziell interessant macht. Es wäre ein passender Abschluss der Red-Bull-Honda-Partnerschaft 2025.
Doch das alles ändert nichts an der wahrscheinlichsten Konsequenz: In ein paar Monaten steht ein weiterer Name auf der Liste ...
"Vielleicht die einzige Option"
von Oleg Karpow, Motorsport.com international
Christian Horner sprach am Sonntagabend in Shanghai von Daten, als er mit den Medien redete. Lawsons Schicksal war da wohl schon so gut wie besiegelt: Quellen zufolge wurde ein Wechsel auf Tsunoda bereits vor dem Rennen ernsthaft erwogen. Ein Wunderauftritt am Sonntag hätte Lawson mehr Zeit verschafft - doch stattdessen tat er sich weiter schwer.
Der Wechsel wirkt nun wie der Versuch, einen Fehler mit einem anderen zu korrigieren. Denn warum Red Bull Lawson im Winter Tsunoda vorzog, war ohnehin unklar - Lawson hatte nur elf Grands Prix auf dem Buckel. Horner ging trotzdem das Risiko ein, in der Hoffnung, Lawsons Fähigkeit, Druck standzuhalten, würde ausreichen. Jetzt scheint Erfahrung das fehlende Puzzleteil gewesen zu sein.
Tsunoda nun ohne Test, ohne Vorbereitungszeit und direkt bei seinem Heimrennen ins Auto zu setzen, ist alles andere als ideal. Auch er wird kämpfen, wie alle bisherigen Verstappen-Teamkollegen. Aber Red Bull bleibt wohl keine Wahl. Wenn die Daten zeigen, dass Lawson zu weit entfernt ist, dann bringt es nichts, weiter zu warten. Sie müssen sich sicher sein, dass er sich nicht rechtzeitig steigern kann.
Tsunoda ist auch ein Risiko, aber vielleicht die einzige Hoffnung auf schnelle Besserung. Und wenn Red Bull den Konstrukteurs-Titel nicht abschreiben will, muss es handeln.
Hart für Lawson, ohne Frage. Doch er wusste, worauf er sich einließ.
"Brutal für Lawson, aber Red Bull muss handeln"
von Christian Nimmervoll, Motorsport-Total.com
Für Lawson ist das extrem hart. Ihm nicht einmal die Chance zu geben, sich in Suzuka - einer Strecke, die er kennt und auf der er erfolgreich war - zu rehabilitieren, ist brutal. Dort hätte er vielleicht überzeugen und sich als verlässliche Option für die Zukunft präsentieren können.
Doch die Formel 1 ist ein komplexes Geschäft - und was man hört, ist, dass Honda den Druck auf Red Bull erhöht und Tsunoda mit erheblichem finanziellen Support unterstützt. Das könnte das Zünglein an der Waage gewesen sein.
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Tsunoda hat in diesem Jahr und auch in den vergangenen Saisons stark performt. Doch die Aufgabe, die jetzt vor ihm liegt, ist gewaltig.
Ich stimme Ralf Schumacher zu: Der Wechsel zu Red Bull ist extrem riskant - Tsunoda hat mehr zu verlieren als zu gewinnen, weil er den RB21 nicht getestet hat und sofort abliefern muss. Doch Red Bull kann mit seinen Fahrern machen, was es will - Max Verstappen ausgenommen. Selbst wenn Tsunoda lieber bei Racing Bulls geblieben wäre, hat er da kein Mitspracherecht.
Red Bull muss etwas tun, wenn es 2025 retten will, sei es beim Konstrukteurs-Titel oder beim fünften Titel für Verstappen. Helmut Marko träumt davon - wie er mir am Dienstag sagte -, Max zum fünften Titel zu führen, etwas, das mit Sebastian Vettel nie gelang. Dafür brauchen sie einen zweiten Fahrer, der Verstappen unterstützt - und es scheint, als sei klar geworden, dass das nicht Lawson ist. Tsunoda steht nun unter immensem Druck, aber er hat keine Wahl.
"Eine Entscheidung mit der Sicherheit eines Casinospiels"
von Roberto Chinchero, Motorsport.com Italien
Red Bull steht an einem Scheideweg: Entweder findet das Team einen neuen Verstappen oder es muss die Designphilosophie seiner Autos drastisch ändern und die "Fahrbarkeit" wieder in den Fokus der Ingenieure rücken.
Solange keine dieser beiden Lösungen Realität wird, fährt Red Bull de facto mit einem Auto - oder bestenfalls mit eineinhalb. Im Moment scheint sich Markos Vision durchzusetzen: Man sucht weiter nach einem Fahrer, der mit dem RB21 zumindest zurechtkommt.
Lawson wurde als ungeeignet beurteilt, nachdem er das Auto eineinhalb Tage im Bahrain-Test und drei Trainingssitzungen zwischen Melbourne und Shanghai gefahren ist - auf Strecken, die er nie zuvor gesehen hatte.
Doch wie so oft bei Red Bull gibt es keine Zeit oder Geduld, um Ursachen zu analysieren. Die extreme Lösung ist einfacher und schneller: Lawson raus, Tsunoda rein. Eine Entscheidung mit derselben Sicherheit wie ein Einsatz im Casino: Es könnte klappen. Es könnte schiefgehen. Wer weiß das schon?
Viel Glück, Yuki! Du wirst es brauchen ...