Lando Norris: Wer eine McLaren-Dominanz erwartet, ist "kurzsichtig"
Wie aussagekräftig sind die bisherigen McLaren-Rundenzeiten wirklich? Lando Norris erklärt, was er von der Favoritenrolle für die Formel-1-Saison 2025 hält
(Motorsport-Total.com) - Laut Red-Bull-Sportchef Helmut Marko war McLaren bei den Formel-1-Wintertests in Bahrain "deutlichst überlegen". Sind die Konstrukteurs-Weltmeister von 2024 deshalb Favorit für die Saison 2025? "Es wirkt so", meint Lando Norris. "Das ist zumindest, was alle sagen."

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Lando Norris im McLaren MCL39 bei den Formel-1-Wintertests 2025 in Bahrain Zoom Download
Er selbst ist nicht überzeugt: "Eigentlich geht das nur auf meinen Longrun zurück. Der war gut, aber die Bedingungen waren perfekt. Oscar [Piastri] hatte am folgenden Tag eine deutlich langsamere Rennsimulation - nicht, weil er schlechter gefahren ist, sondern weil die Bedingungen schlechter waren."
"Deshalb bin ich überrascht, dass so viele Leute so kurzsichtig sind. Vor allem Leute, von denen man es nicht erwarten würde. Sie ziehen so viele Schlussfolgerungen, bevor die Saison überhaupt begonnen hat. Aber jeder will eben dieses Spiel spielen und sich als Underdog darstellen", sagt Norris.
McLaren nehme diese "großartige Publicity" gerne mit, mehr nicht. Begründung: "Falls ich am Wochenende nicht gut abschneide, interessiert es hinterher niemanden mehr, was zuvor gesagt wurde."
Wie die McLaren-Chefetage über die Favoritenrolle denkt
Teamchef Andrea Stella gibt ohnehin nichts auf Favoriten-Kommentare von außen: "Wir haben [bei den Wintertests] einfach nur auf uns selbst geschaut und womit wir zufrieden sind. Tatsache ist: Unser Auto verhält sich so, wie wir es erwartet hatten."
Und nur weil McLaren im vergangenen Jahr den WM-Titel gewonnen habe, bedeute das noch lange nicht, dass es 2025 automatisch das Team sei, das es zu schlagen gelte. "Es ging schon 2024 nur um wenige Millisekunden und es wird auch dieses Jahr extrem eng", meint Stella. "Wir haben uns deshalb für eine relativ aggressive Entwicklung entschieden." Alles Weitere müsse sich erst noch zeigen.
Laut Stella ist das Kräfteverhältnis in der Formel 1 nicht mit dem ersten Rennwochenende in Stein gemeißelt: "Im Saisonverlauf hängt die Wettbewerbsfähigkeit von der jeweiligen Strecke und den jeweiligen Bedingungen ab. Die Reihenfolge wird sich immer wieder verschieben." Er erwarte eine "sehr spannende und ausgeglichene" Saison 2025.
Wenn, dann wähnt sich McLaren-Boss Zak Brown mit seinem Team "besser vorbereitet" als im vergangenen Jahr: "Ich habe aber den Eindruck, wir stehen gut da. Als Team sind wir heute stärker als gestern. Davon bin ich überzeugt. Aber nichts ist je perfekt. Es gibt immer etwas, das man besser machen kann." Das könnte die "hoffentlich epische" Formel-1-Saison 2025 beweisen, meint Brown.
Vorhersagen sind "Zeitverschwendung" für Norris
Er scheint in diesem Punkt ähnlich zu denken wie Norris, der mit McLaren, Ferrari, Mercedes und Red Bull vier Teams auf "ähnlichem Niveau" sieht. Für eine konkrete Einschätzung zum Kräfteverhältnis sei es vor dem ersten Rennwochenende aber noch zu früh: "Für mich ist es völlig egal, Vorhersagen zu machen oder darüber zu spekulieren, wo wir stehen werden. Das ist Zeitverschwendung", meint Norris.
Zumal das Ergebnis der Testfahrten täuschen könne: "Ich weiß, mit wie viel Sprit Ferrari gefahren ist. Ihr werdet überrascht sein, wie schnell sie am Wochenende sein werden. Aber die Leute können reden, so viel sie wollen. Wir haben uns zurückgehalten, uns fokussiert. Wir wollen schnell sein und vorne mitkämpfen, aber nicht mit dem großen Vorsprung, von dem alle sprechen."
Siegchancen für Piastri in Australien?
Was heißt das für die Siegchancen des Australiers Piastri bei seinem Heimspiel in Australien? "Wir werden sehen", sagt er selbst. "Ich weiß, was ihr von mir hören wollt, und das kann dann die Schlagzeile für alle sein, aber lasst uns abwarten."
"Die Tests waren ziemlich gut, aber bisher weiß niemand, wie es laufen wird. Und Melbourne ist eine völlig andere Strecke als Bahrain. Das Wetter wird anders sein als in Bahrain und es sieht so aus, als würde es sich jede Stunde ändern. Also wird es auf jeden Fall ein interessantes Wochenende. Ob wir an der Spitze mitmischen können, das sehen wir am Samstag."
McLaren-Dominanz bleibt Fernziel
Eine Dominanz erwartet Piastri jedenfalls nicht, auch wenn das aus seiner Sicht "natürlich ideal" wäre. "Davon träumen jeder Fahrer und jedes Team", sagt Piastri. "Aber angesichts des aktuellen Reglements und wie die vergangene Saison verlaufen ist, wäre es unglaublich naiv, das zu erwarten. Ich denke, diese Saison wird genauso eng, wenn nicht noch enger, als die zweite Hälfte des vergangenen Jahres."
McLaren hat zwar das Ziel, mittelfristig das dominierende Team in der Formel 1 zu werden, "aber schon nächstes Jahr kommt ein neues Reglement, das die Abstände zwischen den Teams ziemlich verändern wird", erklärt Piastri. "Die Umstände sind dann andere. Deshalb rechne ich 2025 mit einem unglaublich umkämpften Jahr."
Was Norris schon 2024 gelernt hat
Ein eben solches hat Norris bereits 2024 hinter sich gebracht, nachdem er sich über weite Strecken der Saison mit Red-Bull-Fahrer Max Verstappen um den Titel duelliert hat. Dabei habe er "zwei große Dinge" gelernt, sagt Norris.
"Erstens: Ich war offensichtlich nicht ganz bereit, alles abzuliefern, was ich abliefern musste. Und das liegt einfach daran, dass ein Rennen gegen Max eine einzigartige Situation ist. Das erlebt man sonst nirgendwo im Leben, bis man wirklich an diesem Punkt ist."
"Wäre es ein Duell gegen andere Fahrer gewesen, wäre es vielleicht nicht dasselbe gewesen. Wahrscheinlich wäre es nicht so hart gewesen. Und das ist eine faire Einschätzung, denke ich. Denn Max ist wohl der schwierigste Fahrer, gegen den man antreten kann. Er ist immer derjenige, der bereit ist, an die Grenzen zu gehen und sie zu überschreiten. Genau das hat er getan."
Helmut Marko: McLaren war bei Tests "deutlichst überlegen"
Max Verstappen startet als Titelverteidiger in die Formel-1-Saison 2025. Titelfavorit ist laut Helmut Marko aber Lando Norris auf McLaren. Weitere Formel-1-Videos
Für ihn selbst sei das eine wichtige Lektion gewesen, sagt Norris. Er wisse nun, "wie Max in solchen Situationen agiert" und dass er selbst "nicht auf dem richtigen Level" gegen Verstappen angetreten sei. "Zum Saisonende hin habe ich mich in vielen dieser Situationen verbessert, aber in der Formel 1 ist jede Situation anders. Es gibt keine Garantien, dass ich oder Max künftig richtig entscheiden."
Norris stellt sich auf einen "mehr Kämpfe" ein
"Ich freue mich darauf, eine neue Chance zu bekommen, mich zu beweisen und gegen alle anzutreten. Ich denke nämlich nicht, dass ich dieses Jahr nur gegen Max fahren werde. Es wird auch Charles [Leclerc] sein, es wird Lewis [Hamilton] sein, es wird Oscar sein. Es werden beide Red Bull-Fahrer sein, beide Mercedes-Fahrer."
"Ich freue mich auf all diese Duelle. Und je mehr Kämpfe es auf der Strecke gibt, desto besser für uns. Aber ich erwarte nicht, dass es zu viele davon geben wird."