Racing Bulls: Wie das Team trotz Red-Bull-Verbindung eigenständig bleibt
Racing Bulls setzt auf ein "standortfreies" Modell, um flexibler zu bleiben - Auch wenn das Team mit Red Bull kooperiert, besteht es auf seine Eigenständigkeit
(Motorsport-Total.com) - Seit 19 Jahren ist das Team Racing Bulls - und seine vorherigen Namen - in der Formel 1 vertreten und hat in dieser Zeit stets Technologie mit dem "Mutterteam" Red Bull geteilt. Dennoch ist das Team ein eigenständiger Konstrukteur.
Die in Italien registrierte Mannschaft greift auf Red Bull für Getriebe, Aufhängungen und andere erlaubte Komponenten zurück, um ein unnötiges Wachstum seiner eigenen Infrastruktur zu vermeiden. Gleichzeitig verbessert es jedoch seine eigene technische Ausstattung, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Nachdem Racing Bulls festgestellt hatte, dass seine alten Einrichtungen in Bicester viel zu klein waren, investierte das Team in eine neue Abteilung in Großbritannien mit Sitz in Milton Keynes - praktisch direkt gegenüber dem Red-Bull-Campus.
Dies ermöglichte es dem Team, seine Belegschaft auf zwei Standorte zu verteilen, ohne einzelne Abteilungen ausschließlich an einem bestimmten Standort zu konzentrieren.
Warum Racing Bulls "standortunabhängig" operierrt
Teamchef Laurent Mekies erklärt in einem Interview mit Motorsport.com Italien, einer Schwesterseite von Motorsport-Total.com, dass die Entscheidung, die einzelnen Abteilungen nicht zu "lokalisieren", die Kommunikation zwischen den beiden Standorten verbessert habe, auch wenn das einiger Arbeit bedarf.
Außerdem haben die Mitarbeiter dadurch die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie in Großbritannien oder Italien arbeiten möchten - ein entscheidender Faktor.
"Es ist ein komplexer Prozess", gesteht Mekies und ergänzt: "Wenn Sie mich heute fragen, ob es ein Vorteil ist, zwei Standorte zu haben, würde ich Nein sagen. Denn in diesem Geschäft hängt alles von den Menschen und der Kommunikation zwischen ihnen ab - und das ist schwierig zu managen."
"Wir haben eine entscheidende Entscheidung getroffen: Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, Abteilungen an nur einem der beiden Standorte zu konzentrieren - sei es die Aerodynamik, das Design oder die Produktion."
"Stattdessen haben wir ein Modell gewählt, bei dem jede dieser Abteilungen sowohl in Faenza als auch in Milton Keynes vertreten ist. Wir nennen dieses Modell 'Location Free', und wir haben es aus einem bestimmten Grund eingeführt: um die Möglichkeit zu haben, sowohl in England als auch in Italien neue Talente zu rekrutieren."
"Wir haben diese Chance und wollten sie in allen Abteilungen nutzen. So können wir unseren Mitarbeitern die Wahl lassen, ob sie in Italien oder Großbritannien arbeiten möchten - was auch hilfreich ist, um Fachkräfte zu halten, wenn persönliche Lebensentscheidungen eine Rolle spielen", weiß Mekies.
Synergien mit Red Bull haben Vor- und Nachteile
Er erklärt außerdem, dass Racing Bulls durch die Übernahme von Red-Bull-entwickelten Komponenten zwar keine großen Investitionen in den Ausbau der Belegschaft oder in Forschung und Entwicklung tätigen müsse, es jedoch auch einige Nachteile gebe.
Da das Team nicht in die Entwicklungsprozesse dieser Komponenten involviert sei, "versteht man nicht immer vollständig, warum bestimmte Designentscheidungen getroffen wurden - und das kann eine Herausforderung sein, wenn es um jede Zehntelsekunde geht".
Letztendlich sind diese Teile speziell für Red Bulls eigene aerodynamische Philosophie entworfen worden. Racing Bulls muss sein Auto mit diesen Einschränkungen entwickeln.
"Aus Red Bulls Perspektive ist es nur logisch, dass zwei Teams in der Formel 1 die wenigen von den Regeln erlaubten Komponenten teilen, anstatt hundert zusätzliche Leute einzustellen, um die gleiche Arbeit doppelt zu erledigen", sagt Mekies weiter.
Unabhängig davon deutet alles andere an den beiden Standorten von Racing Bulls darauf hin, dass es sich um einen vollwertigen Konstrukteur handelt - und nicht um ein Juniorteam, das lediglich die ausrangierten Teile des großen Bruders erhält.
Fotostrecke: Alle Formel-1-Autos von Racing Bulls (und Toro Rosso/AlphaTauri) seit 2006
Foto-Zeitreise durch die Teamgeschichte von Toro Rosso (2006 bis 2019), AlphaTauri (2020 bis 2023) und Racing Bulls (ab 2024): Wir zeigen sämtliche Formel-1-Autos des B-Teams von Red Bull und nennen die jeweiligen Fahrer! Fotostrecke
Trotz der Verbindung zu Red Bull operiere Racing Bulls, so Mekies, im Grunde als eigenständiges Team, nicht als eines, das an einen anderen Hersteller gebunden ist.
Racing Bulls als eigenständiger Konstrukteur
Für eine Saison war das Team das Werksteam von Honda, bevor Red Bull diese Rolle 2019 übernahm. Wenn Ford als Partner von Red Bull Powertrains in die Formel 1 zurückkehrt, wird es mit dem Hauptteam zusammenarbeiten, um Konzepte zu entwickeln - und Racing Bulls wird das erhalten, was zur Verfügung gestellt wird.
"Unsere Einrichtungen beherbergen Ingenieure, die an Simulationen, Fahrzeugmechanik, Carbonfaser, Aerodynamik und Fahrdynamik arbeiten - das ist die Definition eines Konstrukteurs", sagt Teamchef Mekies.
"Ich möchte noch hinzufügen, dass abgesehen von uns und Williams jedes andere Team in irgendeiner Weise mit einem Automobilhersteller verbunden ist. Das macht unseren Weg umso faszinierender, weil wir gegen Giganten antreten."
"Unser Ziel ist es, unser Team so weiterzuentwickeln, dass es in der Zukunft wettbewerbsfähig bleibt. Wir haben gesehen, dass das Mittelfeld große Fortschritte gemacht hat, also müssen wir in Menschen, Prozesse und Infrastruktur investieren."
"Wir haben in unsere neue Einrichtung in Milton Keynes sowie in Faenza investiert und sind enorm gewachsen. Aber während wir daran arbeiten, haben wir auch alle zwei Wochen ein Grand Prix-Rennen zu bewältigen - deshalb müssen wir unsere Energie klug einteilen", weiß Mekies um die Herausforderung.